Sneak Peek auf John Mackenzies 9. Fall: Tod auf dem Campus

Prolog

 

 

Flach geduckt kauerte Leo im hohen Gras der Uferböschung. In der klaren Februarnacht war kaum ein Laut zu hören. Auch die Wasser des Flüsschens Cam glucksten nur leise auf ihrem Weg nach Norden, wo sie sich mit der Great Ouse vereinigen würden.

Im Licht der schmalen Mondsichel war das Mauseloch kaum zu erahnen. Aber Leo wusste, dass dort drinnen ein recht wohlgenährtes – jedoch bedauerlich flinkes – Exemplar wohnte. Mehrere Nächte hatte er schon damit verbracht, auf diese Beute zu lauern, doch bisher stets vergeblich. Heute würde sie ihm nicht wieder entwischen!

Als eine zierliche Schnauze sich aus dem Loch schob, witternd die Tasthaare nach vorn gestreckt, verharrte der Kater reglos. Nun kamen die Vorderpfoten in Sicht … gleich würde der gesamte Körper das schützende Erdloch verlassen haben. Offenbar wähnte das Tier sich in Sicherheit. Leos Schnurrhaare sträubten sich erregt. Die Muskeln in seinen kräftigen Hinterbeinen spannten sich an, bereit zur tödlichen Attacke –

Dumpfe Tritte ließen den Boden vibrieren. Blitzartig war der appetitliche Nager wieder verschwunden.

Gänzlich in den Rhythmus ihrer Schritte und in die Musik versunken, die aus ihren Kopfhörern drang, federte eine junge Läuferin vorbei. Aus der Uferböschung folgten ihr ungehaltene Blicke, bis ihr mitgeträllertes „Uh-uh…uh-uh…uh-uh…“ verklang. Leo hatte diesen weiblichen Zweibeiner schon oft gesehen. Sie hatte noch nie etwas für den stattlichen Jäger, einen herausragenden Vertreter seiner noblen Gattung felis felis, übrig gehabt. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit.

 

In der Hoffnung, die Maus würde sich wieder hervorwagen, blieb der Getigerte noch eine Weile auf seinem Lauerposten. Als ihm die Kälte in die Pfoten kroch, gab er schließlich auf und beschloss, in Ermangelung von Frischfleisch mit einer Schüssel Whiskas mit Lachs vorlieb zu nehmen. Er streckte sich und machte sich auf den Heimweg.

Der Pfad wand sich ein Stück durch die Wiesen am Fluss entlang, bevor er auf Höhe des Kanuclubs der Universität nach links zum St. Patrick’s College abbog. Die Flusswiesen, die von den Mauern des Colleges bis zum Cam reichten, betrachtete Leo als sein ureigenstes Revier. Eindringlinge gestattete er nicht. Ein, zwei Narben unter seinem dichten Fell und ein angebissenes Ohr zeugten von vergangenen Auseinandersetzungen mit Rivalen. Als wackerer Kämpfer, der schon einige Sommer auf dem Buckel hatte, war er stets siegreich hervorgegangen. Selbst ein junger Fuchs, der Anstalten gemacht hatte, ihm die Beutetiere streitig zu machen, hatte sich nach einer Begegnung mit ihm aus dem Staub gemacht. Es war klar: Hier durfte es nur einen geben, der auf die Pirsch ging.

Jäh unterbrach Leo seinen Trott, als er einen unverwechselbaren Geruch wahrnahm. Er verließ den gekiesten Weg und strebte zum Flussufer, das an dieser Stelle mit mannshohen Büschen bewachsen war. Etliche abgebrochene Zweige zeugten davon, dass sich hier vor kurzem jemand durchgezwängt hatte. Vorsichtig schlich er an den reglosen Körper heran, der halb im Wasser lag. Instinktiv wusste er, dass kein Leben mehr in dieser Hülle war. Das Blut, das er gewittert hatte, sickerte langsam aus dem Hinterkopf der Läuferin, rann hinab und wurde vom Fluss träge glucksend davongetragen.

In dieser Nacht war Leo in den Grantchester Meadows schlussendlich doch nicht der einzige Jäger gewesen.