Sommerferien an der Küste Cornwalls – Beefeater John Mackenzie kann es kaum erwarten, seine geliebte Pauline endlich wieder in die Arme zu schließen. Doch viel Zeit für Zweisamkeit bleibt nicht. Ein ehrgeiziger Hundezüchter und selbsternannter Gralsritter kommt unter mysteriösen Umständen zu Tode. Da hilft kein Widerstreben: Schon sieht John sich gemeinsam mit dem gesamten Mackenzie-Clan in die Nachforschungen unter schrulligen Vier- und Zweibeinern hineingezogen.

 

Sneak Preview auf den Beginn von Johns siebtem Fall

Prolog 

 

„Bibe et vives!“ 

Die Schrift auf dem durchweichten Pergament war zerlaufen, doch die Botschaft war unmissverständlich. Wie hypnotisiert starrte er auf den schwarzen Schriftzug. Dann hob er den Blick hinauf auf den gezackten Felsen. Im Licht seiner Taschenlampe erglomm mattes Gold. Ein Kelch. 

Eine erste kleine Welle schwappte ihm von hinten über die Füße, durchnässte seine Schuhe und den Saum seiner Hose. Er spürte es nicht. 

All die Jahre, die Jahrzehnte seiner Suche. All die Hunderte und Aberhunderte von Männern, die seit Anbeginn der Zeit ausgezogen waren, um dies in Händen zu halten. Nicht wenige hatten ihr Leben dabei verloren. Hier und heute, in Merlins Höhle – sollte er wahrhaftig das Ende seines langen Weges erreicht haben? 

Das Stück Papier fiel aus seinen klammen Fingern. Er stellte die Taschenlampe auf einen Felsvorsprung und hob beide Arme. Ehrfürchtig, beinahe scheu umfingen seine Hände das Gefäß. Vorsichtig hob er es von dem Felsen herunter. In seinem Inneren schwappte eine dunkle Flüssigkeit umher. Er dachte an seine geliebte Guinevere. 

„Bibe et vives. Bibe et vives. Trink und du wirst leben.“ Wie von Sinnen murmelte er die Worte immer wieder vor sich hin. Er hob den Kelch an die Lippen.

Kapitel 1 

 

„Die Koffer können wir auch nachher noch ausladen“, drängte Maggie. „Die Kathedrale hat nur bis fünf geöffnet. Also kommt in die Gänge, alle miteinander.“ 

„Major Maggie bläst zum Appell“, brummelte David und gähnte herzhaft. John schälte sich aus seinem Sitz und kletterte hinter seinem Bruder aus dem Kleinbus, den die Mackenzies für den Familienurlaub in Cornwall gemietet hatten. 

Es war erst wenige Wochen her, dass sein Vater den Einfall für diese Ferienwoche mit Kind und Kegel geäußert hatte. Die greise, aber immer noch quicklebendige Patriarchin des Clans, Isabel Mackenzie sollte in Newquay eine besondere Würdigung erhalten. Noch im letzten Jahr hatte es einiger Überzeugungsarbeit bedurft, die Ikone der schottischen Separatisten dazu zu bewegen, aus der Hand der Queen den Ehrentitel als ‚Dame Commander of the British Empire‘ anzunehmen. Im Gegensatz dazu war sie auf der Stelle bereit gewesen, einen Flug aus ihren geliebten Highlands in den Süden zu unternehmen, um bei einer großen Hundeausstellung die Verdienstmedaille des Nationalen Hundezuchtverbandes verliehen zu bekommen. 

Es traf sich gut, dass der Termin in den Schulferien lag und so hatte Isabel gemeinsam mit Johns Vater die Idee ausgeheckt, dass die ganze Familie sich in Cornwall treffen sollte, um dort einige gemeinsame Tage zu verbringen. Ein Vorschlag der – fast – auf einhellige Begeisterung gestoßen war. Johns Mutter Emmeline, die mit Isabel Mackenzie seit bald einem halben Jahrhundert in einer Dauerfehde lag, war wenig angetan. 

„Du willst mich nach Cornwall schleppen, nur damit ich zusehe, wie diesem alten Drachen noch ein Orden angeheftet wird?“, war ihre erste Reaktion gewesen. 

Ihre leidende Miene hätte einem von Pfeilen durchbohrten und auf dem glühenden Eisenrost gefolterten Heiligen gut zu Gesicht gestanden. „Bitte, dann fahrt, wenn ihr unbedingt meint. Aber ohne mich. Ich bleibe dann allein hier zurück. Macht euch keine Gedanken um mich, ich komme schon zurecht.“ Sie feuerte noch eine Breitseite gegen ihren altgedienten Ehemann, „Das bin ich ja ohnehin schon gewöhnt.“ 

James Mackenzie war erst kurz zuvor aus Schottland zurückgekommen, wo er seiner Tante für mehrere Wochen nach einem Oberschenkelbruch beigestanden hatte – ein schmählicher Verrat an seiner armen Ehefrau, wie Emmeline das sah. 

Erst nachdem der Haussegen für einige Tage schief gehangen und die gesamte Familie sie bestürmt hatte, mitzukommen, hatte sie schließlich nachgegeben. Letzten Endes wollte sie sich eine Woche mit ihren Kindern und deren Familien keinesfalls entgehen lassen – Tante Isabel hin oder her. 

Maggie hatte die Organisation der Reise übernommen – und das mit derselben Akribie, mit der sie sich ansonsten als Staatsanwältin durch die Akten von Wirtschaftskriminellen arbeitete. Herausgekommen war eine generalstabsmäßige Planung mit Pack- und Erledigungslisten, Besichtigungsprogramm und Kisten über Kisten säuberlich beschrifteter Kartons, von „Küchenutensilien“ und „Bettwäsche“ über „Brettspiele“ bis „Sportausrüstung“. Allein letztere umfasste nicht nur etliche Bälle und verschiedenste Schläger, sondern auch noch Reitsachen, Neoprenanzüge und Surfbretter, die auf dem Dach des Busses mitreisten. 

John war heilfroh, dass er sich um nichts hatte kümmern müssen. Sein Job in der Einheit der Yeoman Warders im Tower von London, gemeinhin Beefeater genannt, hatte ihn in den letzten Wochen voll in Anspruch genommen. Er hatte endlose Zusatzschichten im Wach- und Besucherdienst geschoben, um nun eine Woche freinehmen zu können. Seine Hauptaufgabe als Assistent des Ravenmasters hatte dabei natürlich nicht zu kurz kommen dürfen. Zusammen mit George Campbell war er für die Pflege der neun königlichen Raben des Towers zuständig und diese muntere Truppe hielt ihn immer ordentlich auf Trab. 

So war es ihm seit Ostern nur ein einziges Mal gelungen, zumindest für einen Tag zu Pauline hinauf nach York zu fahren. Seine Freundin unterrichtete dort an einer renommierten Mädchenschule. Da sie an den Wochenenden meist in ihre schottische Heimat fuhr, um ihre Familie zu unterstützen – ihre Mutter hatte vor einigen Monaten einen Schlaganfall erlitten – blieb ihnen seit Monaten kaum Zeit füreinander. Kein Wunder, dass John diesen Tagen in Cornwall besonders entgegenfieberte: Pauline würde morgen gemeinsam mit Tante Isabel aus Edinburgh einfliegen und die ganze Woche mit ihnen verbringen. Er konnte es kaum erwarten, sie wieder in seine Arme zu schließen.

 

Impressionen des Mackenzie-Familientrips nach Cornwall

Einige Stationen der Reise: Salisbury, Stonehenge, das Dartmoor, der winzige Ort Minions im Bodmin Moor, Newquay und natürlich Tintagel